Aktuelles

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Veranstaltungsreihe „Absetzen und Reduktion
von Psychopharmaka“

PDFs der Vortragsreihe finden Sie hier zum download.

Die Reihe ist aus dem gleichnamigen Netzwerk heraus entstanden. F.O.K.U.S. entwickelte das Konzept und organisierte die bundesweit wahrgenommene Reihe. Die Fortbildungsreihe „Neuroleptika reduzieren und absetzen“ richtet sich an:

  • professionell in der Psychiatrie Tätige,
  • Nutzer*innen psychiatrischer Angebote mit neuroleptischer,
  • antidepressiver und Tranquilizer- Medikation,
  • Angehörige der vorgenannten Gruppe.

Ziel der Fortbildung war es, das gemeinsame Wissen über die Risiken und Chancen der Medikamententherapie, über die Möglichkeit des Reduzierens und/oder Absetzens auszutauschen und zu erweitern. In allen Teilen der FB sollte es darum gehen, das Wissen, wie ein sparsamer/kritischer Umgang mit psychiatrischer Medikation in der ambulanten und stationären Psychiatrie umgesetzt werden kann, auszutauschen und zu erweitern. Es war Inhalt der Fortbildung, das Entstehen eines bremischen Netzwerkes voranzutreiben. Wir wollten Wissen und Expertise darüber, wie Krisen- und Krankheitsbegleitung mit wenig/ohne Medikamente gelingen kann, sammeln und austauschen. Die professionell Tätigen wollten Klient*innen, Patient*innen, Nutzer*innen in ihren Bestrebungen nach einem selbstbestimmten Umgang mit Medikamenten unterstützen und begleiten.

Referent*innen der Reihe waren:

  • Ärztliche Referent*innen (Dr. Volkmar Aderhold, Prof. Dr. Uwe Gonther, Priv. Doz. Dr. Jann Schlimme, Dr. Luciana Degano Kieser)
  • Psychiatrie-Erfahrene Referent*innen (Dr. h.c. Peter Lehmann, Thelke Scholz, Arnolde Trei, Sabine Weber, Gerlinde Tobias)
  • Im psychiatrischen Versorgungssystem tätige Profis (Karima Stadlinger, Helge Thoelen, Ulrike Flügge)
  • Angehörige (im Trialog)

Diese Personen haben in 10 Veranstaltungen das Thema psychiatrische Medikamente individuell passend selbstbestimmt dosieren/reduzieren/absetzen behandelt.

PDFs zum download:
Vortrag Dr. Volkmar Aderhold (3,4 MB)
Vortrag Priv. Doz. Dr. Jann Schlimme (2,0 MB)
Vortrag Dr. h.c. Peter Lehmann · vom 7.6.2017 (498 kb)
Vortrag Karima Stadlinger · vom 9.3.2018 (423 kb)

Volkmar Aderhold und Uwe Gonther sowie die anderen ärztlichen Referent*innen betonten unisono, wie wenig klar erforscht die Wirkmechanismen von Psychopharmaka sind. Wie sehr diese durch ihre Wirkung auf Dopaminrezeptoren in ein unglaublich fein ausgeklügeltes System von über hundert Botenstoffe eingreifen, das in den Nervenzellen wirkt. (Ein Nebeneffekt ist: der Körper versucht blockierte Rezeptoren durch Vermehrung zu ersetzen und verursacht so eine noch höhere Sensibilität, die durch die Medikamente gedämpft werden soll.)

  • Unkontrolliertes Absetzen führt zu Jojo Effekten, zu hohes Ansetzen ruft nicht nur unerwünschte Wirkungen, sondern auch Gewöhnungseffekte hervor, um nur einige Probleme zu benennen.
  • Die Lebenserwartung kann sich verkürzen. Studien legen nahe, dass eine jahrzehntelange hochdosierte Einnahme von Neuroleptika die Lebenserwartung um bis zu 15 Jahre reduzieren kann, aufgrund von Übergewicht, metabolischem Syndrom, Bluthochdruck…
  • Mehrfachverordnungen können von niemandem seriös abgeschätzt werden in ihrer Quer-, Kreuz- und Additionswirkung.
  • Antidepressiva verursachen erhebliche Probleme in Absetzprozessen, nicht bei allen, aber bei vielen Menschen.
  • Die erwünschte Wirkung einer Reduzierung von Symptomen, geschieht um den Preis der Reduzierung von breiten Lebens- und Sozialfunktionen.
  • Ärzt*innen lernen das Ansetzen von psychiatrischen Medikationen, über das Absetzen lernen sie nichts.

Jens Josuttis (Teilnehmer der Reihe) bringt auf den Punkt, welche Konsequenzen wir als Helfer*innen daraus ziehen müssen: „Jahrzehntelang war einer unserer wichtigsten Aufträge die Sicherstellung der regelmäßigen Medikamenteneinnahme. Wir müssen nun umdenken und Menschen darin begleiten, einen selbstbestimmten, für sie angemessenen Umgang mit Medikamenten zu finden.“

Peter Lehmann betonte in seinem Vortrag, dass ein Recovery-Prozess nicht möglich ist, ohne die Frage der Medikamente kritisch zu stellen.

Dies wurde auch sehr deutlich in den Vorträgen und Beiträgen der Psychiatrie-Erfahrenen Referent*innen und Teilnehmer*innen. Unter zu hoch dosierten oder nicht verträglichen Medikamenten kann Lebensqualität, Empathie-Fähigkeit, die Wahrnehmungsfähigkeit, Motivation und die Fähigkeit, überhaupt Ziele ins Auge zu fassen und sie gezielt zu verfolgen, verloren gehen.

Jann Schlimme beschreibt in seinen Therapieprotokollen sehr eindrücklich, wie unter der Wirkung von Neuroleptika Affekte verflachen, und wie sich der Mensch wundert, was er alles zu empfinden in der Lage ist, wenn die Dosis niedrig genug ist. Dieses Thema muss auch in der Behandlungsplanung von psychisch kranken Eltern wahrgenommen werden. Eine Teilnehmerin der FB beschreibt, dass eine unter starken Medikamenten stehende Mutter in ihrer Beziehungsfähigkeit stark eingeschränkt ist.

Die Fortbildungsreihe hat dennoch immer wieder auch Stimmen gehört, die sich gegen vorschnelles Absetzen und ein generelles Ablehnen von Antidepressiva und Neuroleptika wendet. Der Nutzen von den psychiatrischen Medikamenten ist unumstritten, allerdings vertreten die Referent*innen und das Netzwerk die Position, dass die Frage der Selbstbestimmung und die Dosierung sowie die Frage der Alternativen viel stärker diskutiert werden müssen in der Fachöffentlichkeit.